Willy Fritsch – Starrummel

Neue, andere Zeiten

[…]

Hinsichtlich des Januartermins hat Willy Fritsch Glück. Nach kurzer Stippvisite zu einer Autogrammstunde in den Berliner Kammerspielen im Haus Vaterland am Potsdamer Platz, verlässt er die Veranstaltung für eine Reise nach Schweden, wo am 22. Januar 1934 »Des jungen Dessauers große Liebe« im Stockholmer »Skandia«-Lichtspielhaus uraufgeführt wird. Die Begeisterung des schwedischen Publikums steht der in Deutschland in nichts nach. Bereits als sein Zug am 21. Januar um sieben Uhr morgens auf dem Weg nach Stockholm die Stadt Malmö passiert, stehen scharenweise Fans am Bahnhof, und es kommt zu Tumulten bei der Jagd auf Autogramme. Die Ankunft in Stockholm jedoch stellt alles in den Schatten.

Der Film-Kurier berichtet: »Schon geraume Zeit, ehe der Berlin-Zug auf dem Stockholmer Zentralbahnhof einlaufen sollte, versammelten sich vor dem Bahnhofsgebäude große Menschenmassen, und als die Uhr am Sonntagnachmittag 5 Uhr schlug, hatten sich solche Scharen von begrüßungsfreudigen Schwedenfreunden von Willy Fritsch zusammengefunden, dass es tatsächlich einer kleinen Armee von Polizisten bedurfte, um die erwartungsvolle Menge einigermaßen in Schach zu halten. Schließlich musste die Polizei Absperrungsmaßnahmen vornehmen, und sogar Polizisten zu Pferde mussten herangezogen werden. Alle diese Maßnahmen sollten sich doch als völlig nutzlos zeigen, denn kaum trat der beliebte deutsche Filmkünstler aus dem Bahnhofsportal, als die vieltausendköpfige Menge auf Willy Fritsch heranstürmte. Die Begeisterung, den beliebten deutschen Künstler in Stockholm persönlich zu sehen, war so groß, dass die Polizei machtlos war. Ein lebensgefährliches Gedränge entstand. Willy Fritsch konnte nur mit allergrößter Schwierigkeit zum wartenden Auto, welches ihn zum Grand-Hotel führen sollte, geleitet werden. Es ging nicht besser, als dass Willy Fritsch mit zerrissenem Mantel und mit ganz zerknitterten Blumensträußen ins Hotel gebracht werden konnte. Bei einem Presseempfang erklärte Willy Fritsch, er habe sich eine solche Begeisterung niemals vorstellen können.«(1) Für die Uraufführung am Folgetag müssen bereits Stunden vor dem Beginn der Vorstellung die Straßen vor dem Kino abgesperrt werden. Als Willy Fritsch erscheint und sich mit einigen schwedischen Brocken für den begeisterten Empfang bedankt, reicht man ihm sogar Schuhe aus der Menge zum Signieren. Dass junge Mädchen an der Hauswand seines Hotels hochgeklettert seien und er sich in der Menge eine Rippe gebrochen habe, wird zwar dementiert, aber die schwedische Presse schreibt später, seit der Rückkehr Greta Garbos aus Hollywood habe es keine solche Begeisterung mehr gegeben.

Nach der Vorführung im selbstverständlich ausverkauften Filmtheater muss Fritsch anschließend noch seine Trinkfestigkeit unter Beweis stellen. »Bei dem Bankett, das schwedische, für den deutschen Film begeisterte Filmfreunde zu Ehren von Willy Fritsch veranstalteten, ging es hoch her. Es wurde oftmals ein ›Skål‹ ausgebracht und dazu, wie es sich gehört, auch wacker einer genippt. Willy Fritsch soll sich dem Vernehmen nach dabei […] zur Freude der Stockholmer Filmfreunde, außerordentlich wacker gehalten haben«(2), berichtet die Filmwelt, und die Illustrierte Wochenpost ergänzt, Fritsch habe einen Halbliterhumpen Carlsberg-Bier zum Staunen aller Anwesenden in einem Zug ausgetrunken.(3) Noch über ein Jahr später erinnert sich Willy Fritsch an das Gastspiel, das nach seiner Theatertour in jungen Jahren sowie seiner Premiere anlässlich »Die sieben Töchter der Frau Gyurkovicz« 1927 schon sein dritter prominenter Besuch in Schweden war: »Es war sehr, sehr schön. Die Herzlichkeit der Leute – so etwas habe ich auf andern Gastspieltouren, trotz aller Sympathiebeweise, nicht wieder erlebt. Aber schöner als das erste Mal war es trotzdem nicht…« (4)

Auch in New York kommt der Film im März 1934 zur Aufführung und erhält im Ganzen eine positive Kritik. Dennoch kann sich der Kommentator der New York Times in Anlehnung an die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland eine deutliche Anspielung nicht verkneifen: »Willy Fritsch, einer der führenden teutonischen Filmschauspieler und durch sein ›arisches‹ Blut qualifiziert dafür, im Dritten Reich in seinem Beruf weiterarbeiten zu können, ist fesch wie immer in seiner Rolle als Prinz Leopold von Anhalt-Dessau. […] Der Wert, den der Prinz darauf legt, dass jede Frau in Anhalt-Dessau mindestens ein Dutzend Kinder haben sollte, geht einher mit Hitlers Dogma zu Großfamilien.« (5)

In der Tat ist Willy Fritsch in der Zwischenzeit, wie ausnahmslos alle seines Berufsstandes, gezwungen seine »arische Abstammung« nachzuweisen, um weiterhin filmen zu können. Als im Herbst 1933 die so genannte Reichskulturkammer mit der dazugehörigen Reichsfachschaft Film gegründet wird, steckt er mitten in den Dreharbeiten zu »Des jungen Dessauers große Liebe«. Deshalb übergibt offenbar der Ufa-Mitarbeiter Hans Herbert Junghanns, ausgestattet mit einer Vollmacht der Herstellungsleitung, am 27. Oktober 1933 Fritschs Papiere an die Kontingentstelle des Bühnennachweises Berlin.(6)


(1) Begeisterter Empfang von Willy Fritsch in Stockholm in: Film-Kurier Nr. 21 vom 24.01.1934
(2) Autogramme! Autogramme! »Fritsch-Fieber« in Stockholm in: Filmwelt Nr. 05 vom 04.02.1934
(3) vgl. Illustrierte Wochenpost (Wien) Nr. 13 vom 30.03.1933, S. 16
(4) Wahre Geschichten, Nr. 10/1935, S. 3
(5) Übersetzung der Autorin von: A Willy Fritsch Film von H.T.S. in: The New York Times vom 24.03.1934
(6) vgl. Vollmacht der Universum-Film AG, Max Pfeiffer Herstellung, für Hans Herbert Junghanns zur Vorlage der Ausweispapiere zur arischen Abstammung des Schauspielers Willy Fritsch vom 27.10.1933 beim Bühnennachweis Berlin. Kz-J0032 in: Personalakte Willy Fritsch, BArch R9361/V 109504

Mehr lesen

Verlag