Willy Fritsch – Im Krieg

Wechsel ins Charakterfach

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Irgendwann im ersten Halbjahr 1944 kehrt Fritsch nach Berlin zurück. Gemäß dem Ufa-Produktionsplan ist er 1943/44 für den Film »Mädel mit Zukunft« vorgesehen(1), welcher jedoch nicht realisiert wird, sondern erst zehn Jahre später unter dem Titel »Mädchen mit Zukunft« mit Hans Richter in der Hauptrolle zur Herstellung gelangt. Möglicherweise ist Fritsch aber auch nicht drehfähig. Gesundheitlich stark angegriffen, machen ihm insbesondere seine Nerven zu schaffen. Viele Darsteller finden Ausflüchte, um nicht mehr im bombengefährdeten Berlin drehen zu müssen, wie Ufa-Chef Dr. Müller-Goerne am 15.07.1944 notiert(2), und auch Willy Fritsch, der sich laut Müller-Goerne bis dahin stets kooperativ verhalten hat, bittet Anfang Juli 1944 um eine Versetzung ins noch friedliche Prag, was ihm kurz darauf gewährt wird. Zuvor erleidet der Schauspieler unmittelbar nach einem Bombenangriff noch einen Nervenzusammenbruch und verlässt daraufhin überstürzt Berlin, wie Marie Vassiltchikov, deren Freundin Agathe von Fürstenberg vorübergehend in Fritschs Haus einzieht, am 19.07.1944 in ihrem Tagebuch notiert: »Offenbar lag er den ganzen Tag über schluchzend auf seinem Bett, bis seine Frau zurück nach Berlin kam und ihn aufs Land brachte.«(3)

Tatsächlich verbringt das Ehepaar Fritsch im August 1944 noch einmal Ferien in Bansin auf Usedom, bevor sich Willy Fritsch auf den Weg nach Prag macht. Er checkt im Hotel Alcron nahe dem Wenzelsplatz ein. Die oberste deutsche Schauspielerriege hat sich bereits in der noch unzerstörten und von Fliegerangriffen bisher weitgehend unbehelligt gebliebenen Stadt versammelt, darunter Stars wie Hans Albers, Gustav Fröhlich, Zarah Leander, Oskar Sima, Werner Fütterer, Lizzi Waldmüller und Johannes Heesters, mit dem Fritsch auch seinen nächsten Film dreht.

Tagsüber sind die Darsteller in den etwa acht Kilometer vom Hotel entfernten Barrandov-Ateliers zu finden, abends versammelt man sich gern bei sportlichen Ringwettkämpfen; einer Sportart, die seinerzeit genauso populär ist wie das Boxen.

Prag bietet die perfekte Kulisse für die nach wie vor in großer Zahl herzustellenden Filme. Nachdem seit September 1944 im Deutschen Reich Theater und Varietés geschlossen und in Kinos umfunktioniert werden, bieten nur Filmvorführungen noch Ablenkung vom Kriegsalltag. Dass dem Filmschaffen weiterhin große Wichtigkeit beigemessen wird, ist ein glücklicher Umstand für die beteiligten Schauspieler. Willy Fritsch erhält im Laufe des Jahres 1944 nicht nur das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse für seine über zwanzig Jahre andauernde Tätigkeit für die Ufa verliehen(4), sondern wird auch auf der sogenannten »Gottbegnadetenliste« der »Unersetzlichen Künstler« geführt.(5) Dass er außerdem über nur noch eine Niere verfügt, tut das Übrige. Gute Bedingungen also, um nicht an die Front oder anderweitig Kriegsdienst leisten zu müssen.

Im Sommer 1944 beginnen in Prag die Dreharbeiten zum mittlerweile zehnten Farbfilm der Ufa. Zum wiederholten Male wird eine bekannte Operette von Johann Strauss verfilmt: »Die Fledermaus«. Das Schauspielensemble besteht neben Willy Fritsch und Johannes Heesters auch aus Marte Harell, Will Dohm, Siegfried Breuer, Dorit Kreysler und Hans Brausewetter, ferner stehen auch hinter der Kamera die besten Leute der Ufa bereit: Willi Winterstein an der Kamera, Alice Ludwig im Schneideraum und Robert Herlth, der für die umfangreichen Kulissenbauten verantwortlich zeichnet. Regie führt der auf Ausstattungsfilme spezialisierte Géza von Bolvary, das passende Drehbuch dazu stammt von Ernst Marischka. Auch ein Tenor gehört zum Stab: für den im Film für Willy Fritsch gemeinsam mit dem im Gegensatz zu ihm ausgebildeten Sänger Heesters vorgesehenen Gesangspart »Brüderlein und Schwesterlein« leiht Hugo Meyer-Welfing dem Schauspieler seine Stimme.

»Fritsch spielte den Gefängnisdirektor Frank – eine Rolle, die überhaupt nicht zu ihm passte. Aber wen interessierte das noch. Willy am allerwenigsten«(6), erinnert sich Johannes Heesters an die Filmarbeit und lobt dabei außerdem Fritschs Schauspielkunst sowie weitere Kollegen, gegen ihre Fehlbesetzungen erfolgreich anzuspielen.(7)

Zum Inhalt: Gefängnisdirektor Frank und Graf Gabriel von Eisenstein – Johannes Heesters – sind von Theaterdirektor Dr. Falke mit einem Hintergedanken zum Ball des Grafen Orlowsky eingeladen, da Dr. Falke aufgrund eines von beiden an ihm begangenen Streiches auf Rache sinnt. Zu diesem Zweck hat er diverse peinliche Verwicklungen für die beiden vorbereitet, in die nicht nur die Gattin des Grafen, sondern auch sein Stubenmädchen, ein Tenor des Stadttheaters und nicht zuletzt Orlowsky selbst verstrickt sind. Zu allem Übel lässt Dr. Falke auf dem Ball auch noch Teile der Strauß’schen Operette »Die Fledermaus« aufführen, die allen Beteiligten ihre selbst erlebten Ereignisse des Tages als Bühnenstück noch einmal vor Augen führt. In Szene gesetzt wird die Handlung in satten Farben, mit Darstellern in aufwendigen und perfekt sitzenden Kostümen sowie natürlich der Operettenmusik von Johann Strauß.

Mit einem Budget von dreieinhalb Millionen Reichsmark steht Regisseur von Bolvary die größte, bis dahin jemals für einen Film angesetzte Summe zur Verfügung. Goebbels persönlich kümmert sich um das Projekt und lässt sich im Laufe der Dreharbeiten regelmäßig Muster vorführen. Neben einer hochkarätigen Besetzung der Hauptrollen kommen in den Barrandov-Ateliers auch hunderte deutsche und tschechische Statisten zum Einsatz. Dabei ist nicht jeder Mitwirkende auch wirklich ein überzeugter Komparse. Diverse Spitzel der Geheimen Staatspolizei befinden sich mittlerweile im Aufgebot und melden jeden verdächtigen Satz an ihren Dienstherren.(8)

Augenfällig wird die üppige Ausstattung dieses Operettenfilms besonders in der finalen Szene, wenn innerhalb einer für die Zeit beeindruckenden Kamerafahrt einhundertzwanzig Streicher auf einer Empore den »Fledermauswalzer« intonieren, während unter ihnen in großer Ballsaalkulisse hunderte von Statisten in prächtigen Kostümen Wiener Walzer tanzen. Als eine der letzten Szenen wird diese Einstellung Anfang November 1944 aufgenommen. Zu einer Zeit, als sich Aachen im Westen sowie Provinzen von Ostpreußen im Osten bereits in alliierter Hand befinden, deutsche Großstädte mehrmals täglich bombardiert, seit dem Attentat auf Hitler fast täglich Widerstandskämpfer hingerichtet und Willy Fritschs ehemalige Kollegen Kurt Gerron, Otto Wallburg und Max Ehrlich am vorletzten Oktobertag 1944 ins Gas von Auschwitz geschickt werden. Vor diesem Hintergrund mutet die Szenerie nahezu makaber an.

Über die Kriegslage sind die Schauspieler bestens informiert. Tschechische Freunde ermöglichen ihnen den Zutritt zu einer als Funkstation der Wehrmacht genutzten Bar, in der sie nachts regelmäßig ausländische Sender abhören können. In Prag bleibt es weiterhin friedlich. Nur selten kommt es zu Fliegeralarm, der in den Barrandov-Studios durch ein Ampelsystem angekündigt wird.

Dennoch ist Willy Fritsch auch hier zunehmend am Ende seiner Kräfte. Johannes Heesters erzählt: »Willy Fritsch, der ehemals strahlende Ufa-Star, war mit den Nerven fertig, er fühlte sich schwach und elend und hatte Probleme mit dem Magen. Willy war bei Fliegeralarm besonders arm dran; er litt unter grauenvoller Angst, die man ihm nicht ausreden konnte, obgleich wir in Prag noch ganz sicher waren. Er hatte keine Kraft mehr, war einfach kaputt und betroffen von dem, was in und um Deutschland herum passierte.«(9)

Am 16. November 1944 sind die Dreharbeiten für »Die Fledermaus« beendet. Sämtliches Material wird zur weiteren Bearbeitung nach Potsdam-Babelsberg geschickt, wo sich Schnittmeisterin Alice Ludwig auch sofort an die Arbeit macht und das Material sichtet, bis die Schneidearbeiten im Januar 1945 unterbrochen werden.

Fritsch hingegen hält sich weiterhin in Prag auf. Bis zum Drehbeginn seines nächsten Films wird ihm jedoch aufgrund seines Gesundheitszustands zunächst Urlaub genehmigt.
Seit Mitte Oktober 1944 lässt sich Reichsfilmintendant Hans Hinkel regelmäßig durch seine Produktionsleiter über drehfreie Tage der an laufenden Produktionen beteiligten Schauspieler unterrichten. Die Ergebnisse werden direkt an Goebbels gemeldet. Wie die restliche deutsche Bevölkerung müssen die Schauspieler in ihrer drehfreien Zeit für die Rüstungsindustrie zur Verfügung stehen. Die Beschäftigung in Prag erfolgt unter anderem in den Ostmarkwerken.(10) Auch eine wöchentliche, vertrauensärztliche Untersuchung gehört seit Mitte November 1944 für die Darsteller zum Pflichtprogramm, deren Ergebnisse zu bestimmten Stichtagen ebenfalls an Goebbels gemeldet werden.(11) Unter dem Namen »Fritsch, Willy« findet sich für die Woche vom 15. bis 22. November 1944 das Vermerk: »ist in Prag in ›Fledermaus‹ abgedreht, hat zwei Wochen frei und beginnt Anfang Dezember neuen Prag-Film (schwer nierenkrank).«(12)


(1) vgl. Ufa-Produktionsplanung 1943/44 vom 14.01.1944. BArch R 55/655
(2) vgl. Dr. Müller-Goerne über Besetzungsschwierigkeiten der Berliner Produktionen. BArch R109-II/29
(3) Marie Vassiltchikov. Berlin Diaries 1940-1945. Vintage Books, A Division Of Random House New York 1988, S. 190
(4) vgl. Entnazifizierungsakte Willy Fritsch. Fragebogen des Military Government of Germany vom 23.04.1946. 221-11 Staatskommissar für die Entnazifizierung KAT 46712, Hamburger Staatsarchiv
(5) vgl. Liste II, Künstler im Kriegseinsatz, Filmliste, S. 16. BArch Berlin R 56-I/33
(6) Johannes Heesters. Ich bin gottseidank nicht mehr jung. Edition Ferenczy bei Bruckmann 1993, S. 134
(7) vgl. Johannes Heesters. Auch hundert Jahre sind zu kurz. Die Erinnerungen. Langen Müller in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH München 2002, S. 149
(8) vgl. Johannes Heesters: Erinnerungen an »Die Fledermaus«. Interview als Bonusmaterial zur DVD. Transit Film GmbH, D 2003. Regie: Robert Fischer.
(9) Johannes Heesters. Ich bin gottseidank nicht mehr jung, a.a.O., S. 134
(10) vgl. Schreiben von Hinkel an den Reichsminister vom 07.10.1944. BArch R-55/659
(11) vgl. Schreiben von RFI, Dr. Müller-Goerne an Dr. med. A. Schwarzkopf vom 24.11.1944. BArch R56-VI/5
(12) ebenda